Janequin-Trilogie
 
Zwischen 2015 und 2019 realisiert thélème eine Trilogie um den Französischen Komponisten Clément Janequin.
Mit dieser Trilogie möchte thélème einen neuen Blick auf den bedeutenden Komponisten der Renaissance werfen.
 
 
VOL. 1
MOMENT MUSICAL - FRANZ SCHUBERT & CLÉMENT JANEQUIN: UNE AMITIÉ IMAGINAIRE 
 
Clément Janequin und Franz Schubert haben einander natürlich nicht gekannt, aber dennoch stellen wir uns hier vor, wie sie gemeinsam die Freuden des Gesprächs und der Musik genießen. In dem Programm „Moment musical“ wollten wir die Spontaneität der Abende in gut besuchten Kaffeehäusern wieder aufleben lassen, wie Franz Schubert sie so sehr liebte. Ohne Zweifel kannte Janequin ähnliche Freuden, wie der Dichter Eustorg de Beaulieu in einem Brief aus dem Jahr 1544 schreibt:
 
Du, Blaise und ich, wir sangen bis Mitternacht,
wissend, dass wir dieses Vergnügen nach unserem Tod
nicht länger werden genießen können,
und um der Musik noch näher zu kommen,
hast du die Bekanntschaft von Clement Janequin gesucht
sowie von anderen, sämtlich erfahrenen Menschen,
die in der Kunst der Musik bewandert sind.
 
Das Ensemble thélème hat seinen Namen nach der utopischen Abtei Thélème gewählt, die François Rabelais in seinem Roman Gargantua beschreibt. Es fühlt sich einer hedonistischen Tradition verpflichtet und interpretiert die Musik Janequins und Schuberts, wie man einen guten Wein oder eine wohlschmeckende Speise in einem vertrauten und freundschaftlichen Rahmen miteinander genießt.
 
Auf den ersten Blick scheint es wenige Berührungspunkte zwischen dem österreichischen Romantiker Franz Schubert und dem französischen Komponisten Clément Janequin zu geben, der im 16. Jahrhundert in ganz Europa für seine bildhaften Chansons berühmt war. Zeiten und Sprachen sind jedoch nur unbedeutende Grenzen, und wenn man sich etwas mit diesen beiden Komponisten beschäftigt, stehen sie sich vor allem in Bezug auf ihre Biografien doch recht nahe. Beide genossen von frühester Jugend an ihre musikalische Ausbildung in einem religiösen Umfeld, und beide konnten früh aufblühen und ihre künstlerische Begabung mit anderen teilen. Der eine wie der andere musste für seinen Lebensunterhalt sorgen – Janequin wählte eine Laufbahn als Geistlicher, Schubert eine pädagogische. Beide befanden sich finanziell nicht in einer angenehmen Lage: Aus seinen Briefen weiß man, wie sehr Schubert unter Geldnot litt, und auch Janequin beschwerte sich in einem Brief aus dem Jahr 1529 über seinen Geldmangel (deficientibus pecuniis)! Diese Aspekte haben leider die meisten Musiker aller Epochen gemeinsam, aber im Fall von Clément Janequin und Franz Schubert sind sie dennoch nur Details, die in keinem Verhältnis zu dem stehen, was diese beiden musikalisch wesentlich enger miteinander verbindet: eine außerordentliche kompositorische Leichtigkeit und ein musikalischer Gestus von ungewöhnlicher Frische. Beide Komponisten schufen ein extrem vielseitiges, überwiegend weltliches Oeuvre. Auch wenn Schubert zahlreiche Messen geschrieben hat, so ist er doch hauptsächlich für seine Lieder bekannt, und von Janequin sind trotz seiner Laufbahn als Geistlicher nur zwei Messen und über 250 Chansons überliefert. Beide Musiker schrieben hauptsächlich Vokalwerke für einen spezifischen Kontext: für das Vergnügen, gemeinsam unter Freunden Musik zu machen. Auch die besonders sorgfältige Textbehandlung, die durchdachte Auswahl der Autoren und die raffinierte Vertonung der Texte sind wichtige Gemeinsamkeiten. Die Chansons von Clément Janequin und Schuberts Lieder weisen außerdem zahlreiche technische Ähnlichkeiten (freier Einsatz eines Begleitinstruments – Fortepiano, romantische Gitarre oder Laute und Renaissancegitarre; häufige Besetzung mit Männerstimmen etc.) und inhaltliche Parallelen auf (Liebe oder Kontemplation).
 
Einzelne vertonte Textpassagen enthüllen Teile der Komponistenbiografien. So kann man beispielsweise im berühmten Chant des oyseaux zwischen den Zeilen lesen, wie Philippe Caron vorschlägt („Le Chant des oyseaux“ de Janequin: un coffre sémantique à plusieurs fonds in Clément Janequin, un musicien au milieu des poètes, veröffentlicht von der Société Française de Musicologie 2013). Er vertritt nach einer eingehenden Analyse des Textes die Meinung, dass die Vögel nicht nur den Reiz der Natur darstellen sollen, sondern für eine berufliche Auseinandersetzung Janequins mit einem weiteren Musiker stehen. Auch bei Schubert ist die Auswahl der Texte aufschlussreich, so zum Beispiel durch ihre Bezüge auf den Orient („und mit diesem Lied und Wendung, sind wir wieder bei Hafisen“ aus dem Lied Im Gegenwärtigen Vergangenes; die persische Liebe ist eine Chiffre für homosexuelle Erotik in einem Fantasie-Orient der Vorromantiker). Diese Bezüge könnten homoerotische Freundschaften durchscheinen lassen, wie Ilija Dürhammer meint (Geheime Botschaften, Homoerotische Subkulturen im Schubert-Kreis (...) Böhlau-Verlag 2006). Über das Entschlüsseln kodierter Botschaften und verborgener Referenzen hinaus ist es aufregend, wenn man versucht zu verstehen, was für Menschen diese Komponisten waren und sich auf die Suche nach Details begibt, durch die man sich ihnen nahe fühlen kann. Zur Eröffnung unseres Programms singen wir die dritte Strophe des Liedes „Leise, leise lass uns singen“, die Schubert nach seinen Bedürfnissen abgewandelt hat. Der Originaltext stammt unzweifelhaft von Anton Weiss, und in ihm wird versucht, eine nicht näher genannte Frauengestalt zum Aufwachen zu bewegen („Holde, erwache“). Schubert hat diesen Text im Hinblick auf Fanny Hügel adaptiert („Fanny, erwache“), die zum Kreis der Schubertiaden gehörte. Dieses Beispiel zeigt, wie eng das musikalische Repertoire mit dem vertrauten Freundeskreis in Verbindung stand, mit dem musikalische Momente geteilt wurden.
 
Die vorliegende Aufnahme entstand bei drei Konzerten im November 2016. Die herzliche Atmosphäre in der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel, in direkter Nähe des Basler Münsters in einem eleganten Anwesen gelegen, von dem aus man den Rhein weit überblickt, in Verbindung mit der großen Aufmerksamkeit des Publikums, waren wesentliche Elemente für die Realisierung dieses Projekts. Es wäre für uns völlig undenkbar gewesen, ein solches Repertoire, das so sehr von der Interaktion lebt, im sterilen Umfeld eines Tonstudios aufzunehmen.
 
Wir wollten den originalen Bedingungen möglichst nahe kommen und hatten das Vergnügen, die Aufnahme mit einem Fortepiano aus dem Jahr 1813 einzuspielen. Durch seine Bauart und seine Klangqualität passt es genau in die Übergangszeit zwischen
der Klassik und der Frühromantik. Daher ist es ein ideales Instrument für Werke, die zwischen dem Ende des 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Dieses Fortepiano stand fast 200 Jahre lang mehr oder weniger unberührt in einem norddeutschen Adelssitz, wo es wohl als reines Prunkstück diente. Das Instrument wurde 2015 von der Klavierbauerwerkstatt Christoph Kern restauriert.
 
Die Freundschaft zwischen den Interpreten ist schließlich das wichtigste Element bei der Umsetzung dieses Vorhabens gewesen. Möge die Aufnahme beim Zuhören ebenso viel Vergnügen bereiten wie wir es bei der Zusammenarbeit empfunden haben, und möge man sich ebenso sehr wie wir an den musikalischen Augenblicken („moments musicaux“) erfreuen, bei denen wir uns Clément Janequin und Franz Schubert so nahe gefühlt haben.
 
Jean-Christophe Groffe
Übersetzung: Susanne Lowien
 

VOL. 2
AMOUR ET MARS - CLEMENT JANEQUIN & CLAUDE LE JEUNE
 
Militat omnis amans, et habet sua castra Cupido: „Jeder Verliebte ist ein Soldat im Krieg, und Cupido hat sein eigenes Lager aufgeschlagen“. Die Kriegsmetapher für die Eroberung in der Liebe war in der Antike zum Allgemeinplatz geworden, und Ovid schöpft sie in dieser Passage von seinen Amores aus wie kein anderer Dichter. Der Verliebte behält die Augen auf seinen Rivalen gerichtet wie auf einen feindlichen Soldaten. Wenn der Feind die Tore der Stadt eintritt, muss der Verliebte manchmal die Pforten zu seiner Geliebten eintreten. Doch bei beiden Schlachten ist der Ausgang ungewiss – Mars dubius, nec certa Venus: „Mars zweifelt, und Venus ist unsicher“.
Auf der Freske am „Haus der verhängnisvollen Liebe“ in Pompei ist Mars mit allen Eigenschaften des Kriegsgottes ausgestattet und verkörpert diese militia amoris in hervorragender Weise, wenn er sich scheinbar auf einen Eroberungsfeldzug von Venus begibt, und dies unter den beobachtenden Blicken Cupidos.
Wir haben diese Pose nun etwas scherzhaft übernommen, um die Arbeit an den Aufnahmen bildlich darzustellen. Dabei wird zum einen der Prozess des Adaptierens und des Wiederverwendens eines Themas von Werk zu Werk spürbar gemacht (was besonders in der Renaissance praktiziert wurde), zum anderen aber geht es auch um die Beziehungen der Darsteller untereinander in dieser Art des Komponierens, wobei sich Respekt, Konkurrenz und Spass miteinander vermischen.
Zwei der bedeutendsten Komponisten des 16. Jahrhunderts, Clément Janequin (1485-1528) und Claude Le Jeune (1530-1600) sind auf diesem Weg richtungsweisend. Ersterer verstirbt, als Letzterer geboren wird, der eine eröffnet das Jahrhundert, der andere schliesst es ab. Die Lebensdaten heben den Wendepunkt hervor, wo Janequin als berühmter Komponist der ersten Renaissance von Le Jeune abgelöst wird, der  den Übergang zwischen Renaissance und Barok vollzieht.
 
 

VOL. 3
RECYCLING - CLEMENT JANEQUIN RELOADED
 
„Recycling – Clément Janequin reloaded“ schlägt eine Brücke zwischen der Musik der Renaissance und der Gegenwart. Das Programm vereinigt das Vokalensemble thélème, das auf die Interpretation alter Musik spezialisiert ist, und das Saxophonquartett XASAX, das auf die Interpretation zeitgenössischer Musik spezialisiert ist. Die beiden Ensembles haben die Komponistin Betsy Jolas und den Komponisten Mike Svoboda beauftragt, Werke der französischen Renaissance für die Komposition neuer Werke „wieder zu verwerten“: So hat die französische Komponistin Besty Jolas für das Herzstück des Konzertprogramms in ihrer „Lassus-Phantasie“ eine Chanson von Orlando di Lasso für die acht Musiker magistral einer neuen Lesung unterzogen. Und der deutsch-amerikanische Komponist Mike Svoboda nutzt die Präsenz der vier Saxophone, um in seinem neuen Werk die lebendige, ja überbordende Energie des Janequin-Liedes „Les Cris de Paris“ zu verstärken. Das Programm umfasst des weiteren Werke von Clément Janequin, Roland de Lassus und Salvatore Sciarrino.

Erscheint Anfang 2020